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Zur Geschichte vom Gut Stolzenhagen

Die Geschichte des Gutes an der Lüdersdorfer Straße lässt sich mindestens bis ins 16. Jhd. zurückverfolgen, als Stolzenhagen, das sich zu dieser Zeit im Besitz des Zisterzienserordens vom Kloster Chorin befand, im Jahre 1563 an den hohenzollerschen Kurfürsten Joachim II. verkauft wurde. Kurze Zeit später erhielt der Amtshauptmann zu Oderberg, Wolf von Fronhöfer, das Dorf als Lehen und wurde so auch erster Gutsherr in Stolzenhagen. Bis zum Ende des zweiten Weltkrieges war das Gut Arbeitsstätte zahlreicher landloser Bauern, die für den Gutsherrn arbeiteten, dessen eigentlicher Wohnsitz sich im sog. Herrenhaus befand.

Auf dem Gut spielte sich dann die große Geschiche im Kleinen ab. Der Vater des letzten Gutsherrn Ferdinand von Boelzig wurde gegen Ende des Krieges von den Russen auf der Treppe des Gutshauses erschossen. Das Gut wurde enteignet, und da nicht die DDR sondern die UdSSR enteignete, haben die Erben gemäß Einigungsvertrag alle Ansprüche verloren.

Anfang der 50er Jahre wurde auf dem Gutsgelände eine Maschinen- und Traktorenstation eingerichtet, worauf wenige Jahre später die Gründung der LPG "Vorwärts" erfolgte, die hier bis zur Wende 1990 wirtschaftete. Danach wurden die Gebäude nur noch spärlich genutzt und verfielen mehr und mehr.

Unser Projekt besteht eigentlich schon seit 1994. Allerdings waren es damals ganz andere Leute, die das Gut Stolzenhagen leer vorgefunden haben und es wiederbeleben wollten. Dazu gründeten sie den gemeinnützigen Verein LAUBE e.V. Dieser pachtete ab Juni 1995 einen Teil des Geländes. 1996 wechselte fast die gesamte Besetzung des Vereins. Im Dezember 1996 wurde das Gut der Treuhand abgekauft. Aber auch die neue Besetzung war bald zerstritten und am Ende. Im Januar 1999 übernahmen vier Mitglieder der heutigen Gruppe den Verein (mit zwei Altmitgliedern). Um eine deutliche Trennung von der vorigen Besetzung zu ziehen, wurde der Name des Vereins in Gut Stolzenhagen/Oder e.V. geändert. Im Sommer 1999 hatte sich die Gruppe schon verdoppelt. Mit viel Elan zogen wir unsere erste und letzte große Gemeinschaftsarbeitsaktion durch: gemeinsam mit Freunden und Gästen sanierten wir das völlig zerfallene Dach des Gutshauses.

Gemeinschaftliche Arbeiten der gesamten Gruppe in größerem Umfang finden mittlerweile nicht mehr statt. Wir haben das EU - Prinzip der Subsidiarität bereits umgesetzt; Arbeiten und Entscheidungen werden auf einer möglichst niedrigen Ebene erledigt. Das klappt einfach besser und vermeidet viele Konflikte. Im Laufe der Zeit waren nämlich zahlreiche Differenzen in Bezug auf Nutzung, Kosten, Rechte&Pflichten aufgetaucht. Auch gab es sehr abweichende Vorstellungen über den Grad an Gemeinschaftlichkeit. Ein paar Siedler wollten aus dem Gemeinschaftseigentum an Grund und Boden privat Teile herauskaufen. Andere hatten Angst vor einer Spaltung und vor einer Zwei-Klassen-Gruppe und wollten das nicht. Das Fehlen einer von vornherein festgelegten klaren Konzeption und Organisation des Projekts führte dann quasi zwangsläufig zu Interessenkonflikten. Nach einer längeren Phase der Stagnation einigten wir uns dann aber auf den Kompromiss, Nachbarschaften zu gründen (angelehnt an das Modell des Ökodorf Sieben Linden ), die auf ihrem Flurstück weitgehende Autonomie haben, wobei weiterhin die gesamte Gruppe gemeinsam das Gelände besitzt. Seit dieser Einigung gab es keine existenztiellen Konflikte mehr und die Atmosphäre ist sogar ziemlich entspannt.

Als Kommune kann man uns nicht bezeichnen, denn außer dem Gelände teilen wir als Gesamtgruppe nicht viel miteinander. Verbindlichkeit gibt es nur auf der finanziellen Ebene. Wir sind einfach sehr verschieden, weil uns vor allem die Begeisterung für dieses tolle Gelände in dieser wunderschönen Landschaft zusammengeführt hat. Wir sind eher mit einem Dorf zu vergleichen, wo ein verbindlicheres Miteinander und ein Teilen auf der Ebene kleiner, auf gegenseitiger Sympathie basierender Gruppen entsteht.

Im April 2002 haben wir die Genossenschaft Gut Stolzenhagen e.G. gegründet, um unserem Projekt die geeignete Rechtsform für unsere Nachbarschaftsstruktur zu geben. Damit wurde gleichzeitig unser politisch-korrektes Konsensprinzip gegen das gute alte Mehrheitsprinzip ausgetauscht. Seitdem bestimmt bei uns nicht mehr die Minderheit über die Mehrheit. Und die Mitgliederversammlungen sind sehr viel entspannter, kooperativer und effizienter - ohne dass die jeweilige Minderheit einfach plattgemacht werden würde. Man konnte hier die Erfahrung machen, dass ein funktionierendes Konsensprinzip eine sozial sehr gut funktionierende Gruppe und auch eine gewisse Kommunikationsintelligenz jedes Einzelnen zur zwingenden Vorraussetzung hat, damit die Gruppe überhaupt entscheidungsfähig ist. Und dass das Konsensprinzip ebenso mißbraucht werden kann, wie das Mehrheitsprinzip, nur dass beim Konsensprinzip dann die Mehrheit ihrer Willensausübung bzw. ihrer Entscheidungsfreiheit beraubt wird.

Letzte Aktualisierung am 14. Januar 2006